Interview mit Harald Grumser, CEO Compart

Kommunikation auf allen Kanälen – Brückenbauer zwischen Tradition und Moderne

Interview mit Harald Grumser, Gründer und CEO von Compart

 

25 Jahre Firmengeschichte sind in der IT-Branche nicht die Regel. Globalisierung und Internationalität stellen das Management vor immer neue Herausforderungen. Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen, das wusste schon Ovid. Über 25 Jahre Compart AG berichtet Firmengründer und CEO Harald Grumser.

"Aus einem Tiger kann man einen Bettvorleger machen,
aber umgekehrt ist es ungleich schwerer."


1.  Herzlichen Glückwunsch, Herr Grumser. 25 Jahre erfolgreich in einer hart umkämpften Branche durchgestanden – wie ist die Compart AG zu dem geworden, was sie heute darstellt?

Harald Grumser - 25 Jahre Compart

Harald Grumser: Ich sehe uns heute als Compart 3.0. Dahin war es ein intensiver, abwechslungsreicher Weg, auf dem viele Entscheidungen getroffen werden mussten, die nicht zwangsläufig große Erfolge versprachen. Die Firma haben wir anfangs mit der Intention gegründet, IT-Projekte durchzuführen, und zwar mit starkem Bezug auf OS/2 von IBM. Wir bekamen auch schöne Projekte, unter anderem beim Europäischen Patentamt und bei BASF, sind dann aber frühzeitig im Rahmen eines Projekts zum Scanning und zur Image-Verarbeitung gekommen. Da haben wir dann schon 1993 unser erstes Produkt gebaut, nämlich eine Bildbearbeitung unter OS/2, mit der man sogar scannen konnte. Damit nahm das Glück seinen Lauf.

2.  Das ist doch bestimmt nicht nur Glück gewesen?

Harald Grumser: Na ja, damals – so Mitte der Neunziger – war Archivierung ein großes Thema. Egal was man gescannt hat, alles wurde platt geklopft in Pixel und ins Archiv gepackt. Die ersten Konverter, die wir damals bauten, arbeiteten alle Richtung Archiv. Irgendwann hat man uns gefragt, wenn ihr Druckdaten in die eine Richtung konvertieren könnt, geht das nicht auch andersrum, also Druckdaten erzeugen? Damals habe ich wahrscheinlich meine wichtigste unternehmerische Entscheidung gefällt, indem wir uns vom Projekthaus Richtung Softwarehersteller orientiert haben. Und wir haben etwas gemacht, was man eigentlich als junges Software-Start-up nicht macht: Wir haben in Marketing und Vertrieb investiert. Compart 2.0 war geboren.

Wir wollten dann auch geografisch skalieren und begannen, uns auch im Ausland zu engagieren und Töchter in den USA, Frankreich und Spanien zu gründen. Heute haben wir eine Exportquote von über 50 Prozent, sind also so ein typischer kleiner, deutscher Mittelständler, der für die Exportquote von Deutschland sorgt. Und vor gut fünf Jahren haben wir dann erkannt, beim Thema Druck und Papier ist was im Busche. Wir hatten zwar schon 2002 angefangen, die ersten Rechnungen per PDF zu versenden, das hat sich aber nur langsam entwickelt. Aber so nach 2010 war abzusehen, dass sich im Bereich Digitalisierung etwas tut.

3.  Also ist die Digitalisierung für Sie ein Katalysator gewesen?

Harald Grumser: Compart ist heute ganz stark durch die Digitalisierung geprägt. Wir helfen unseren Kunden dabei, das, was sie früher gedruckt haben, digital zu transportieren. Vor fünf Jahren haben wir darüber diskutiert, ob es Papier oder PDF wird. Aber heute geht es darum, A4 oder nicht A4. Viele Leute haben immer noch nicht verstanden, dass Digitalisierung auch bedeutet, weg von A4. Wir müssen die Kommunikation geräteunabhängig gestalten und das heißt eben nicht, digital gleich PDF, sondern wir müssen die Inhalte in den unterschiedlichsten Formaten darstellen können. Die Fachanwendungen müssen nämlich keine Seiten mehr an das Output-System übergeben, sondern Daten. Dabei denke ich immer daran, dass man aus einem Tiger zwar einen Bettvorleger machen kann, aber umgekehrt ist es ungleich schwerer.

Computer tauschen ungern Dokumente aus. Die müssen wir allerdings weiterhin verfügbar halten, denn in einem Rechtsstreit will der Richter nicht ein Smartphone auf den Tisch bekommen, sondern einen A4-Ausdruck.


Und wir werden uns künftig noch mit ganz anderen Kanälen beschäftigen müssen, die granatenmäßig weit weg sind von DIN A4. Was wir vor 15 Jahren unter Digitalisierung verstanden haben, war der Wunsch, Dokumente elektronisch verfügbar zu machen. Da haben wir noch Witzchen darüber erzählt, ob zuerst das papierlose Büro oder die papierlose Toilette kommt. Heute wollen wir Geschäftsvorfälle und -prozesse gänzlich elektronisch abwickeln. Die Leistungsabrechnung bei einer Versicherung ist eine Transaktion von Computersystemen, die am Ende Daten schubsen.

4.  Da sie Produkthersteller sind, müssen Sie jetzt aber auch etwas zum Produkt sagen. Was bieten Sie an?

Harald Grumser: Wir haben es immer ein bisschen schwer, uns in eines dieser in der IT-Welt üblichen Buchstabenakronyme sortieren zu lassen. Was uns einigermaßen beschreibt, ist etwa Customer Communication Management. Wir sind also ein reiner B2B-Anbieter, der Kunden beliefert, die ein typisches B2C-Geschäft oder Government to Citizen betreiben. Und eins ist im Marketing klar, der Kunde sollte immer auf seinem Kanal bedient werden. Die Unternehmen sind aber meist nicht in der Lage, dem Kunden auf dem selben Weg zu antworten, auf dem er gefragt hat.

Eine unserer Kernkompetenzen ist es jetzt, mit den vielen Dateiformaten wie HTML, CSS, XML, AFP und so weiter den richtigen Kanal im richtigen Format darzustellen. Darum haben wir Lösungen und Komponenten wie DocBridge Impress zum Formatieren von Dokumenten entwickelt, die diese Daten kanalgerecht aufbereiten. Ein zweites Produkt, unser DocBridge Pilot, ist eine Drehscheibe für Dokumente, in die ich alles eingebe, was ich kommunizieren möchte und die sich dann um die richtige Aufbereitung im richtigen Kanal kümmert.

5.  Es gibt aber nicht nur die großen Lösungen bei Ihnen?

Harald Grumser: Natürlich nicht, wir haben zum Beispiel ein sehr schönes Produkt, das hilft, ein Dokument, das auf einem lokalen Arbeitsplatzdrucker ausgedruckt worden wäre, jetzt elektronisch in die Poststelle oder in die zentrale Verarbeitung zu transportieren und dort über die zentralen Prozesse ablaufen zu lassen. Das bringt eine Kostenersparnis, bedeutend höhere Prozesssicherheit, höhere Qualität und die Möglichkeit sicherzustellen, dass das Zeug auch wirklich archiviert wird.

6.  Wie sieht das in der Praxis aus?

Harald Grumser: Nehmen wir mal eine Krankenversicherung, bei der ein Kunde eine Leistungsabrechnung einreichen will. Ist er sehr modern und die Versicherung auch, gibt es eine Versicherungs-App, mit der man via Handy die Arztrechnung einscannen und einreichen kann. Dann gibt es aber noch Kunden, die schicken ihre Unterlagen weniger modern als E-Mail oder noch anders. Da kommen dann Daten in DocBridge wild durcheinander an in TIFF, JPG oder irgendwelchen anderen HTML-Formaten, die erst einmal normalisiert werden müssen. Das passiert dann ganz typisch in PDF/A, also langzeit-archivierungstauglich.

Wir haben Kunden, die mit uns ein paar 100.000 E-Mail-Eingänge pro Tag normalisieren, um dann erst in die elektronische Sachbearbeitung zu gehen. Vor allem bei Bagatellschäden guckt künftig kein Mensch mehr drauf. Ist die Sachbearbeitung beendet, gehen die Informationen an DocBridge Pilot, dort wird entschieden, auf welchem Kanal dem Kunden geantwortet wird und das Dokument wird verschickt. Ein Vorgang, der in Minuten erledigt sein kann.

7.  Sie konvertieren also die eingehenden Daten und Dokumente in Formate, die von Prüfmechanismen bearbeitet werden können?

Harald Grumser: Ja, wir kümmern uns ausschließlich darum, die Daten zu standardisieren, das Extrahieren der Informationen ist nicht mehr unsere Domäne. Man darf das nicht unterschätzen. Da gibt es Leute, die arbeiten mit irgendeinem exotischen System, sodass Sie mit völlig unvorhersehbaren Datenformaten rechnen und trotzdem höchste Betriebssicherheit liefern müssen. Wir haben es natürlich am liebsten, wenn alle Daten in XML angeliefert werden. Aber ein dreißig Jahre altes COBOL-Programm kann kein XML liefern, damals konnte man das noch nicht einmal buchstabieren. Wir helfen also unseren Kunden, auch Altsysteme anzuschließen und aufrecht zu erhalten.

 

Wenn Sie wieder an den Tiger und den Bettvorleger denken, können wir da tatsächlich etwas umkehren und alte Druckdaten aus den siebziger Jahren in Richtung HTML konvertieren. Wir sehen uns da als Brückenbauer zwischen Tradition und Moderne. Es gibt ja tolle Beispiele dafür, dass man Dinge über viele Jahre kompatibel machen kann. Beispielsweise geht die Spurbreite für einen ICE auf die Breite eines Pferdehintern aus dem 17. Jahrhundert zurück. Die ersten Schienen waren so breit, dass ein Pferd darin laufen konnte, und diese Breite hat man bis heute erhalten.

8.  Ist Ihre Software für besondere Branchen konzipiert?

Harald Grumser: Die typischen Branchen sind natürlich Banken und Versicherungen, aber wir haben auch viele Kunden, die sind cross vertical. Das sind Druckdienstleister oder Serviceprovider, die wiederum anderen Kunden ihre Leistungen anbieten. In Deutschland ist das Thema Outsourcing eher nicht sehr ausgeprägt. Aber in England und den USA ist nahezu alles outgesourced. Eine Versicherung druckt in den USA nicht mehr selbst. Das hat die schon lange an einen Serviceprovider ausgelagert.

9.  Wie sehen die Herausforderungen aus, die sich Ihnen heute und in Zukunft stellen?

Harald Grumser: Eine große Aufgabe ist es, den Unternehmen klar zu machen, dass Sie ihre Schnittstellen und Prozesse ändern müssen, weil sie sonst den Anschluss verpassen. Die Digitalisierung bedeutet nun einmal massive Veränderungen vor allem in der Technik und den kompletten Geschäftsprozessen. Die Schnittstelle zur physikalischen Welt wird aber bleiben. Sie wird zwar vom Volumen her abnehmen, aber die Komplexität wird bleiben. Wenn ich jemandem ein Dokument als E-Mail auf sein Handy schicke und es dem Formfaktor des Geräts anpasse, wird trotzdem noch jemand irgendwas haben wollen, wo er zwei Löcher reinstanzen und das er im Wohnzimmerschrank aufbewahren kann. 3.000 Jahre Papyrus und Keilschrift können wir nicht einfach ablegen.

10.  Woran orientieren sich die Compart-Entwickler?

Harald Grumser: Letztlich geht es darum, Daten in einer Form vorzuhalten, in der ich sie auf unterschiedlichsten Kanälen ausgeben kann. Und wir sind heute schon gut aufgestellt, was die Modularisierung anbelangt, aber wir wollen unsere Produkte in noch kleineren Happen anbieten können. Workflow und Automatisierung werden künftig eine viel größere Rolle spielen, weil die elektronische Sachbearbeitung nur stattfinden kann, wenn sich alles technisch abbilden lässt.

Und wir müssen eine Welt bauen, in der wir den Austausch über offene Standards zur Verfügung stellen. Erst dann sind wir wirklich interoperabel. Die Menschen glauben immer, wenn sie noch einen Berg erklommen haben, sind sie im Nirwana. Wir werden das Nirwana aber nie erreichen, weil die Berge immer weiter wachsen. Daher hat Compart einen hohen Anteil an Forschungsaufwendungen und wir wissen, dass wir uns nie auf unseren Lorbeeren ausruhen dürfen. Es wird immer wieder Neues geben und die Kunst wird sein, das Richtige zu verfolgen.

Herr Grumser, herzlichen Dank für das Gespräch.

 
Quelle: manageIT (AP-Verlag), Ausgabe 3-4/2018

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